Aus der Schatzkiste: Nuqui – mein Paradies und zweites Zuhause

  • Posted by Nicole Bee
  • On December 16, 2017
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– Über den kolumbianischen Pazifik, seine Magie und seine Menschen –

“Ni-kooooo!” Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht empfängt mich Pozo am Flugplatz von Nuqui und mit ebenso großer Freude – es passt eine Banane quer in meinen Mund – umarme ich meinen Abholer. Pozo heißt Pozo (Pfützchen), weil er als Kind eben in diesem immer herumhüpfte und es liebte mit Wasser zu spritzen. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie Pozo mit bürgerlichem Namen heißt. Pozo ist einfach Pozo – ein Unikat! … und sein Name wirkt lustig, wenn man dazu einen schwarzen Mann, über 1,85 groß und muskulös gebaut, sieht.

Mein vollständiger Name zu meinem “nombre de cariño” Ni-Ko ist Nicole. Ich bin Deutsche und lebe seit fünf Jahren in Kolumbien. Wenn mich die Menschen nach meinem Zuhause fragen, nenne ich neben meiner Heimat auch immer Nuqui, am kolumbianischen Pazifik. Denn hier fühle ich eine ähnliche Gelassenheit, Ruhe und Entspannung, wie im Kreise meiner Freunde und meiner Familie.

Schon beim Anflug auf „Nuqui International“ (wie ich die Schotterpiste spaßeshalber nenne) bin ich ganz aufgeregt. Ich war schon oft dort, kann es aber kaum abwarten, dass nach 45 Minuten Flug endlich die Wolken aufreißen und die Farben des Pazifik zu sehen sind. Wie Busfahren in der Luft ist das Gefühl mit der kleinen Propellermaschine auf dem Weg gen Westen zu sein. Dieses Abenteuer muss ich bestehen, um ins Paradies zu gelangen, denn Straßen nach Nuqui gibt es nicht. Das Fortbewegungsmittel Nr. 1 in der 3.700-Seelen Stadt ist deshalb das Boot.

Die letzten 15 Minuten fliegen wir über dichten Urwald. Kein Zentimeter Boden ist zu sehen – weit und breit nur Baumwipfel. In der Gegend rund um Quibdo sieht man Flüsse sich wie Schlangen durch das dichte Grün des Regenwaldes schlängeln. Noch versuche ich diese eindrucksvolle Landschaft zu begreifen … und schon sitze ich neben Pozo im Boot auf dem Weg zu unserer Lodge El Cantil.

Nach ein paar Minuten Fahrt entlang der Pfahlhäuser des Ortes, von denen manche aussehen, als würden sie bald wie Kartenhäuser zusammenfallen, kommen wir an eine Militärstation, an der wir uns anmelden müssen. Auf einem Steg stehen zwei Soldaten, die unsere Nationalitäten und unsere Aufenthaltsdauer notieren. Zwei weitere sitzen – lässig mit Sonnenbrille – in einem Boot und sonnen sich.

Ein paar Jungs toben auf dem Steg. Wie eine Horde wildgewordener Flöhe – ob mit oder ohne Badehose – alle hüpfen und schubsen sich gegenseitig vom Steg ins Wasser und jagen sich wieder heraus. Ob sie auch alle Pozo heißen?  Als sie uns sehen, bedecken sie gewisse Körperteile mit ihrer Hand und kichern, wie kleine Mädchen. Ein lustiges Treiben, was ich den ganzen Tag beobachten könnte, aber natürlich möchte ich auch weiter und bei meinen Freunden ankommen.

Die Fahrt in der “lancha” ist mindestens so aufregend wie der Flug. Das Boot hüpft über die türkisblauen Wellen, vorbei an einsamen Palmenstränden. Der Urwald reicht bis zum Meer  – eine solche Landschaft habe ich noch nirgendwo anders auf der Welt gesehen und auch an keinem anderen Ort überkommt mich solch eine innere Ruhe wie hier! Das Gefühl ist unbeschreiblich!

Die Sonne glitzert auf dem Wasser, das warme Meerwasser spritzt mir ins Gesicht und ich kann gar nicht aufhören vor Freude zu Grinsen.

Nach einer Stunde Fahrt lenkt Pozo das Boot an die Anlegestelle von El Cantil. Betty, Nena (zwei der Köchinnen) und Eduardo (Pozos Bruder) warten schon und empfangen mich ebenso freudig wie Pozo am Flughafen. “Tanzen wir wieder?” fragen sie mich ganz aufgeregt. Dank einer Gruppe Touristen, die ich als Reiseleiterin einmal dorthin begleitet habe, bin ich allen noch so gut im Gedächtnis geblieben. Pozo und ich hatten eine Feier mit Rum, Chips und Musik organisiert! An einem Ort, an dem es nur von 19 – 22 Uhr Strom gibt – gar nicht so einfach. Dann haben wir noch die Militärs vom Stützpunkt nebenan eingeladen und mit ihnen getanzt. Das haben sie also nicht vergessen – und ich auch nicht. Der Anblick der Militärs mit ihren riesigen Waffen und den Gummistiefel (bei der Hitze und Schwüle), trotz derer sie ihre Hüften weitaus besser bewegen konnten als wir – dieser Abend wird mir wohl  immer im Gedächtnis bleiben.

Ich liebe das Essen an der Pazifikküste. Fischempanadas zum Frühstück und zum Mittag- und Abendessen frischen Fisch, immer anders zubereitet. Die einzige Zutat, die sich nie ändert ist die Liebe, die diese Köchinnen in ihre Arbeit stecken und das schmeckt man! Am Abend weiht mich Nena ein bisschen in ihre Kochkünste ein – darauf war ich so gespannt. Erste Lektion „Oberhitze” auf pazifisch: Man nehme eine Schüssel mit Lasagne, lege eine Metallplatte drüber und mache ein Feuer auf dieser – so bekommt die Fischlasagne eine leckere Kruste.

Hängematten laden zum Baumeln ein, besonders mit einem Blick auf den Palmenstrand, die kleinen Strandläufer und Krebse. Das Rauschen der Wellen und das Singen der Vögel schaffen Entspannung pur…. und so verbringe ich viel Zeit  in der Hängematte. Limonade-schlürfend baumel ich vor der Cabaña, schlafen kann ich aber nicht, denn der Sonnenuntergang mit dem roten und lilafarbenem Himmel lässt meine Augen nicht schließen- mein Paradies auf Erden.

Auch wenn ich diesen Ausblick und die Entspannung in der Hängematte genieße, zuckt es mich aber auch schon bald in den Beinen und so beschließe ich das morgige Programm: Eine Wanderung nach Termales und ich möchte Surfen lernen!

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück mache ich mit Pozo eine 1-stündige Wanderung am Strand entlang. Auf dem Weg treffen wir Kinder, die Fußball spielen. Eine unbeschwerte Kindheit!? Die Kleinen freuen sich, als wir sie fragen, ob wir sie fotografieren dürfen – lassen sich aber gar nicht aus dem Konzept bringen und zielen weiter auf ihr Tor aus zwei Ästen, die in den Sand gesteckt wurden.

Wir erreichen Termales, ein Dörfchen mit 200 Einwohnern, das mich immer wieder überrascht, weil es bei seiner Armut doch so ordentlich und gepflegt ist. Viele der Menschen hier können nicht lesen und schreiben. Die meisten der Kinder gehen bis zur 5. Klasse zur Schule – danach müssten sie nach Nuqui, aber das können sich viele Familien, die hauptsächlich vom Fischfang leben, nicht leisten.

Wieder werden wir von Bekannten überschwänglich begrüßt – ein einzigartiges Gefühl, auch hier ist es wie “nach Hause kommen”. Als wir in den heißen Quellen von Termales sitzen, kommen zwei kleine Mädchen, die uns Süßigkeiten aus Kokos verkaufen möchten, aber das Wasser ist interessanter und so dauert es nicht lange, bis beide samt ihrer Kleidung mit uns im heißen Nass schwimmen. Wir hüpfen zusammen immer wieder vom Rand ins Wasser, tauchen und schmieren uns gegenseitig mit dem grünen Stein ein, der verjüngend wirken soll.

Am Nachmittag geht es dann zu meiner ersten Surfstunde. Ich bin recht unsportlich, aber möchte es unbedingt einmal ausprobieren.  Mein Surflehrer Tello strahlt schon über das ganze Gesicht, als er das Surfbrett hervorholt. Ob er sich schon vorab über mich kaputt lacht?

Er legt das Surfbrett an den Strand und zeigt mir erst einmal auf dem Trockenen, wie das Aufstehen funktioniert. Ich fühle mich wie ein Walross. „wie soll ich mich da bloß hochhiefen“ und dann auch noch im Wasser, wo das Brett doch wackelt?

Mein Herz rast vor lauter Aufregung und ich gehe im Kopf die Theorie noch einmal durch, bevor wir ins Wasser gehen – immer weiter Richtung Horizont, bis ich fast nicht mehr stehen kann. Jetzt soll ich mich auf das Brett legen und kaum hüpfe ich etwas in die Höhe, zieht es natürlich meine Bikinihose runter. Wie peinlich – das Walross fasst ohne Hose. Letztendlich schaffe ich es aufs Brett und muss innerlich lachen. „Was wohl Tello von mir denkt“? Er erklärt mir noch einmal, was ich tun soll: Füße aufstellen, dann zuerst mit dem Kopf hoch und dann irgendwie ganz schnell den Rest des Körpers hinter her ziehen … oder so… Den ersten Platscher haben wahrscheinlich noch die Einwohner von Nuqui gehört.

Also, wieder rauf aufs Brett, diese Mal irgendwie die Hose festhalten und nächster Versuch. Fast hätte es geklappt. Aber Irgendwann schaffe ich es tatsächlich aufzustehen. Ich fühle mich gar nicht mehr wie das Walross, denn die Welle gibt mir Schwung, so dass es fast eine Leichtigkeit ist, sich hinzustellen. Nur das Gleichgewicht halten ist schwer. Deshalb schlicke ich am ersten Tag auch noch ziemlich viel Salzwasser…. Und trotz, dass mir bereits mein ganzer Körper weh tut, mache ich immer weiter – Surfen macht süchtig!

Am letzten Tag dann noch der Höhepunkt: Ich sitze beim Mittagessen, als Pozo auf einmal vom Bootsanlegeplatz schreit: Baaaaaaaaaaalleeeeeeeeeeeeeenas!!!!  und tatsächlich: wie Raketen schießen die riesigen, beeindruckenden Buckelwale aus dem Wasser und lassen sich auf die Wellen platschen. Während Pozo das Boot fertig macht, damit wir näher ran können, stopfe ich das Mittagessen in mich herein und hetze aufgeregt zum Boot. Hier sind wir so nah dran, dass man das Gefühl hat, man könnte sie fast anfassen. Manchmal erschrecke ich mich, weil ein Wal  ganz nah am Boot auftaucht und Wasser durch sein Luftloch pustet. Ein einzigartiges Erlebnis!

Nuqui, das sind diese ganz besonderen Erlebnisse. Das ist die Ruhe und Entspannung, die Ausgeglichenheit, die ich hier spüre, aber was diesen einzigartigen Ort für mich so speziell macht, sind die Menschen: sehr zurückhaltend, aber voller Freude und guter Laune. Eduardo und Pozo beeindrucken mich sehr, wenn ich sehe, wie sie mit Hilfe der Gästebücher lesen üben und Pozo mit dem Taschenrechner die Abschlussrechnung macht. “Bien, bien” und ein breites Grinsen sind die stetige Antwort von Pozo, wenn ich ihn nach seinem Befinden fragen… oder wenn er versucht beim „Uno“ spielen zu schummeln. Die Herzlichkeit, mit der ich jedes Mal wieder empfangen werde, gibt mir das Gefühl nach Hause zu kommen.

Les quiero mucho y les piesno todos los dias! Pronto nos vemos otra vez.

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