Rosana Farías schwarze Welt

  • Posted by Nicole Bee
  • On April 28, 2013
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Rosana Faría sitzt in ihrem knall-roten Mantel dick eingepackt an einem kleinen Tisch am Kinderbuchstand “Babel Libros” auf der Buchmesse in Bogotá. Sie hat ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen, denn dank eines Wolkenbruchs sind diese komplett durchnässt . Barfüßig, aber gut gelaunt erzählt die sympathische Venezolanerin von ihren Büchern und der positiven Entwicklung der Kinderillustration in Lateinamerika.

Als Rosana hört, eine Deutsche wolle sie  interviewen, erzählt sie begeistert von ihrer Ausbildung am Design Institut Hans Neumann in Caracas, das 1964 als eine der ersten Design-Schulen in Lateinamerika seine Türen für die Studenten öffnete. Freudig erinnert sie sich an ihre Lieblingsprofessorin Monika Doppert, eine bedeutende Kinderbuchzeichnerin, die in den Sechziger Jahren von Deutschland nach Venezuela ging.

Rosana Faría veröffentlichte 1989 ihr erstes Buch: ein Kinderbuch, was eher Zufall war – allerdings ein sehr erfolgreicher. Es war nie ihre Absicht ausschließlich Kinderbücher zu zeichnen, sie sei  ”da so hereingerutscht”. Die Bedeutung von Zeichnungen für Kinder wurde ihr erst richtig bewusst, als sie selber eine Familie gründete.  ”Die Zeichnungen in einem Kinderbuch sind der Reiz, der die Kinder einfängt und sie dazu bewegt, das Buch zu lesen.”

Bis heute arbeitete Rosana Faría an über 25 Büchern und keines gleicht dem anderen. “Es wäre schlimm, wenn man meinen Stil erkennen könnte, denn die Kunst des Kinderbuchzeichners ist es, sich an jedes Buch und an jeden Autor neu anzupassen, denn sie sind so unterschiedlich.”

Ihr größter Erfolg ist “Das schwarze Buch der Farben”, das in 16 Sprachen erschien. “Wir sind 3 verrückte Frauen, eine verrückter, als die andere. Menena, die Autorin des Buches, fragte sich, wie es wäre blind zu sein und erläuterte mir ihre Idee eines Buches zum Anfassen. Sie wollte ein Buch heruasbringen, das blinden Kindern ein 2-dimensionales Erlebnis der Zeichnungen gibt und nicht blinden Kindern im wahrsten Sinne des Wortes “die Augen öffnet”, indem sie versuchen sich vorzustellen, wie es ist nicht sehen zu können.”

Auf jeder Seite des Buches ist eine Farbe in einem Satz erklärt: “Für Thomas schmeckt die gelbe Farbe nach Senf und ist so weich, wie der Flaum von einem Küken.” Dies steht in silberfarbenen Buchstaben auf den matt-schwarzen Seiten des Buches. Ergänzend ist der jeweilige Satz in Brailleschrift in glänzendem Schwarz als Relief hervorgehoben. Daneben befinden sich die Zeichnungen von Rosana – die Federn des Küken, ebenfalls in glänzendem Schwarz zum Ertasten. “Mir ist bewusst, dass ein blindes Kind nicht ertasten kann, dass es sich hier um Federn handelt, aber darum geht es auch nicht. Mein Wunsch war es, blinden Kindern zu zeigen wie wichtig sie für uns sind und dass wir uns Gedanken über sie machen und versuchen uns in sie herein zu versetzen.”

IMG_8691Während einer kurzen Pause tippelt die immer noch barfüßige Rosana über den Messestand, um ihren Computer zu holen. Anhand eines meiner Lieblingsbücher “Niña Bonita” zeigt sie uns die Entstehung eines Buches. “Zunächst muss ich das Wesentliche des Buches, die Kernaussage des Autoren erfassen”. Im Fall von “Niña Bonita” steht die Darstellung unseres Schönheitsideals im Mittelpunkt. Ana Maria Machado, die Autorin des Buches, war inspiriert durch ihre Tochter, ein Mädchen, das einer Prinzessin gleicht, so wie sie in Märchen dargestellt wird: blond, reine, helle Haut und ein puppenähnliches Gesicht. Die brasilianische Kinderbuchautorin wollte aber, dass ihre Hauptfigur eine schwarze Hautfarbe erhält.

Rosana, die ihre Ferien als Kind an der venezolanischen Karibikküste verbrachte, versetzte sich zurück an den weißen Sandstrand, das blaue Meer und erinnerte sich an ihre Spielgefährtinnen beim Sandburgen-Bauen. “Für mich war es wichtig, Elemente der Küste einzubringen und das typische Karibikmädchen darzustellen: immer hübsch zurecht gemacht, wechselnde Frisur und Kleidung, wunderschöne Gesichtszüge, tolles Haar und vor allem immer kokett!”

Rosana zeigt uns das erste Storyboard, in dem für einen Leihen außer ein paar wilden Strichzeichnungen noch nicht viel zu erkennen ist. Daraus entwickeln sich kleine Zeichnungen in Farbe. Das schwarze Mädchen illustrierte Rosana in den unterschiedlichsten Varianten: Aquarell, Bleistift, Crayons. “Die große Herausforderung dieses Buchs war, den richtigen Ton für die Hautfarbe des Mädchens zu finden. In Aquarell wirkte sie grau, kaffeebraun sollte sie aber auch nicht sein und in schwarz würde man die Gesichtszüge nicht erkennen können.” Die Künstlerin erinnerte sich an einen Kollegen, der einmal sagte,  die karibische Sonne sei so stark, dass man alle Farbtöne sehr viel heller empfindet und so entschied sich Rosana das Mädchen mit Crayons in schwarz zu zeichnen und ihr Gesicht “zu beleuchten”.

Während Rosana mir zum Abschluss des Interviews mein Buch signiert, frage ich sie nach ihren Vorbildern: “Jeden Tag ist es ein anderer Künstler, der mich inspiriert. Besonders in Lateinamerika gibt es so viele Talente und ich freue mich über die positive Entwicklung in unserer Branche!”

1 Comments

Denise Karadag
Toller Artikel! Macht Lust auf mehr Buecher von dieser aussergewoehnlichen, kreativen Illustratorin. Das 'Schwarze Buch der Farben' gibt es auch in Deutschland, dennoch ist Frau Faria noch nicht sehr bekannt bei uns im 'Kinderbuch-Sektor', was sehr schade ist. Vielleicht besucht sie ja auch mal eine Buchmesse in unserem Land. Sicherlich wuerde sie vielen Kindern, aber auch vielen Erwachsenen, eine grosse Freude damit machen und koennte auch deutschen Kinderbuchautoren mit neuen Impulsen und mit ihrem Einfuehlungsvermoegen fuer kindgerechte Darstellungen der Geschichten eine Bereicherung - und meiner Meinung sogar Muse sein!

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