Von Inklusion, Freundschaft und dem Leben

  • Posted by Nicole Bee
  • On October 27, 2016
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christian-und-bernd-liegerollstuhlEin Mann, ungefähr meines Alters, sitzt gehockt in einem übergroßen Rollstuhl, schaut zunächst in den blauen Himmel und dann zu mir. Er grinst mich freundlich an – und ich? „Hallo“ drücke ich unsicher und leise, den Blick auf den Boden gesenkt, im Vorbeigehen hinaus und wundere mich über mich selbst. Eine weltoffene, weit-gereiste Person wie ich fühlt sich unsicher im Umgang mit anderen Menschen?

Verschämtes Wegschauen, peinliches Stammeln weniger Worte, totale Unsicherheit und Unschlüssigkeit, was zu sagen oder zu tun – all das sind gewöhnliche Reaktionen auf Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung – nicht nur bei mir.

Der freundliche Mann im Liegerollstuhl ist Christian. Aufgrund einer genetischen Dystonie hat er nur begrenzt Kontrolle über seine Muskeln. Schwerbehindert also – aber völlig normal? „Was ist schon normal? Ich bin ein lebensfroher Mensch, manchmal habe ich schlechte Laune – besonders, wenn ich die Fernbedienung vom TV nicht finden kann, weil sie nicht am gewohnten Platz liegt.“ – „Ich bin ein Ordnungsfanatiker“, fügt Christian grinsend hinzu.

Ein Mensch wie du und ich also – mit allen Höhen und Tiefen, die das Leben einem so bietet. Alles andere als normal ist allerdings die WG mit seinem besten Freund Bernd. Seit über 20 Jahren leben die beiden Männer – zusammen mit Bernds Familie – in einem Haus. Bernd hat auf eine berufliche Karriere verzichtet, um seinem Freund Christian den Aufenthalt in einem Heim zu ersparen.

Um dem Leben noch mehr Normalität zu schenken, hat Bernd das Haus umgebaut. „Ein angenehmes Ambiente zu schaffen, das nicht nach Krankheit schreit, war mir sehr wichtig, denn sowohl wir als auch unsere Gäste, sollen sich wohl fühlen.“

Das Thema Gäste war Jahre lang sehr schwierig für die beiden, denn die wenigsten Freunde und Bekannten hatten Verständnis für Bernds Entscheidung, sich um Christian zu kümmern. „Die Meisten bezeichneten mich als bekloppt, was mich damals sehr verletzte. Heute weiß ich, dass ich auf eine sehr positive Art und Weise bekloppt bin und immerhin hat mir dieses Wort zu unserem Buchtitel verholfen.“

In „Schwer behindert, leicht bekloppt“ erzählt Bernd von Freundschaft, Inklusion und den Hürden, die er gemeinsam mit Christian in den letzten Jahren überwunden hat – im sozialen Umfeld, aber auch im Kampf mit den Behörden. Die beiden besten Freunde verstehen sich als Botschafter für ein ganz normales Miteinander zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen. „Uns ist es wichtig zu zeigen, wie ein wertvolles Miteinander durch die Zusammenführung von unterschiedlichsten Bedürfnissen, entstehen kann. Wir wünschen uns, dass Menschen wieder für einander einstehen.“

Eine schräge und absolut beispielhafte Freundschaft, die bewegt und zum Nachdenken anregt.

Christian und Bernd möchten mit  ihrer Geschichte durch Deutschland Touren. Wer die beiden in ihrem Vorhaben unterstützen möchte, kann dies noch bis zum 06.11.2016 auf Startnext tun: https://www.startnext.com/leichtbekloppt

Ein aktuelles Video über die beiden, das im SWR, MDR und in der ARD erschien, könnt ihr hier sehen: Video Zwei beste Freunde 

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