Aus der Schatzkiste: Ein Tag als Straßenverkäufer in Bogotá

  • Posted by Nicole Bee
  • On April 9, 2015
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Straßenverkäufer BogotáAls ich mich heute Morgen mit heiserer Stimme aus dem Bett quäle, merke ich meine Armmuskeln. Nein, es war keine lange Party-Nacht, sondern ein Tag mit zwei Straßenverkäufern in Bogota.

„Mani, Mani“ – rufe ich zunächst noch schüchtern während ich an einer Ampelkreuzung zwischen den Autos umher laufe. Die Motorräder verunsichern mich und ich hüpfe so manches Mal ängstlich zur Seite. Ich stemme eine schwere Eisenstange auf halber Körperhöhe in die Luft. An ihr befestigt sind kleine Päckchen mit Erdnüssen und Studentenfutter – das Mani.

Leonardo weißt mich in die Künste des Straßenverkaufs ein. Er ist 55 Jahre alt und verkauft hier, an der 134. Straße seit 6 Jahren Knabbereien und Schnürsenkel. „Die Stange immer mit dem rechten Arm halten, in der Mitte der beiden Autoreihen laufen und immer Richtung Beifahrer schauen.“ Besonders wichtig: Nie vergessen „Mani, Mani“ zu rufen, denn nur so bekommen wir Verkäufer Aufmerksamkeit.

Vendedores ambulantes – ambulante Verkäufer, nennen sich die Menschen, die wie fleißige Wiesel an Ampelkreuzungen ihre Produkte an die Autofahrer verkaufen möchten. Viele von ihnen sind Vertriebene, geflohen vor der Guerilla oder der Drogenmafia, Menschen ohne Ausbildung oder allein erziehende Frauen, die während Ihre Kinder in der Schule sind, Haushaltsartikel verkaufen.

In Kolumbien gibt es nahezu alles an der Straße zu kaufen: von Süßigkeiten und Knabbereien über Zigaretten, Zeitungen, Staubwedel, Blumen, DVDs, Autozubehör, Handtücher und eben auch Schnürsenkel.

„Vorher habe ich Autos gewaschen“ erzählt mir Leornado. So fing er an, als er vor 13 Jahren aus dem Departament Antioquia nach Bogotá kam. In seiner Heimat lebte Leonardo auf dem Land und bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Mutter Felder. Als diese jedoch von Guerilleros erschossen wurde, floh Leonardo in die Großstadt – wie so viele Menschen in Kolumbien. Aber was macht jemand, wie Leonardo, mit seinem Wissen über Ackerbau in einer Acht-Millionen-Metropole?

Und was macht ein 22-Jähriger mit 9 Geschwistern und 2 Kindern ohne Ausbildung und Studium? Auch Omar verkauft seit sechs Jahren saisonale Artikel an der Kreuzung. Im Moment hat er Schmetterlinge aus Metall im Angebot, die er für 4.000 Pesos pro Stück einkauft. Als Relation dazu: In Bogota gibt es ein üppiges Mittagessen ab 3.500 Pesos.

Auch Omar lernt mich in den Verkauf von „mariposas“ ein. Hier funktioniert es anders als beim Mani. „Du musst an den Autos stehen bleiben und in die Fenster schauen – gehst Du nur an ihnen vorbei, verkaufst Du nichts.“ Aber auch mit freundlichen Blicken in die Autos und der Bitte um Unterstützung, ist es ein schweres Geschäft. An den meisten Tagen verkauft Omar einen Schmetterling für ca. 5.000 – 6.000 Pesos. Heute verkauft er nichts.

Nur nach einer Stunde merke ich, wie frustrierend das Geschäft mit den hübschen Metalltierchen ist. Bei jeder Ampelphase fangen wir an der Ampel an und laufen bis zum Ende der Autoschlange – wieder nichts verkauft. Eine Frau im Bus lächelt mich freundlich an und fragt nach dem Preis  der Schmetterlinge. Ich setzte hoch an mit 8.000 Pesos – sie ist sehr interessiert und fast hätte ich es geschafft – da fährt der Bus weiter. Dennoch berichte ich Omar und Leonardo stolz, dass ich fast einen Schmetterling verkauft hätte. „Fast ist gar nichts wert!“ holt Leonardo mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Omar kennt die Ampelphasen wie seine Westentasche. Obwohl wir mit dem Rücken zur Ampel laufen und die Autos immer noch still stehen – sagt er plötzlich: „So, jetzt gehen wir auf die Seite – es ist grün!“ Ich drehe mich um und – tatsächlich, die Ampel springt gerade um. Ein Zufall? Nein, bei jeder Ampelphase wiederholt sich dieses Szenario, was mich sehr beeindruckt.

Beim Mani-Verkauf bin ich erfolgreicher als mit den Schmetterlingen – ich verkaufe drei Päckchen mit Erdnüssen zu je 1.000 Pesos – meist an Taxifahrer – Stammkunden von Leonardo. Meine Arme merke ich schon nach kurzer Zeit. Aber vielmehr als die Muskeln schmerzen die Reaktionen vieler Menschen. Manche Autofahrer reagieren überhaupt nicht – sehen durch mich hindurch als existierte ich gar nicht, manche schauen einfach weg, andere schütteln mit dem Kopf und wieder andere schauen grimmig. „Die Reichen mögen uns nicht“ erzählt Leonardo. „Manche Anwohner rufen die Polizei, weil sie sich durch die Verkäufer gestört fühlen bzw. Angst vor uns haben.“ Dann werden ihre Waren konfisziert und sie sind gezwungen neue Artikel zu kaufen. Dafür gibt es einen Kredithai, den alle sehr mögen. Er vergibt Geld gegen 10% Zinsen, die „Tröpfchen für Tröpfchen“ zurückgezahlt werden können. Leonardo hat bisher 2 Mio. Pesos Schulden bei ihm, aber stolz bezahlt er heute 20.000 Pesos zurück.

Auch dem Staat sind die Straßenverkäufer nicht wohl gesonnen – obwohl sie ihm doch eigentlich zugute kommen. So werden die vendedores ambulantes beispielsweise nicht als Arbeitslose gezählt – die Statistiken sind dementsprechend gut. Das Gesundheitssystem nehmen sie auch kaum in Anspruch. Leonarde erzählt mir, dass er über „sisben“, der staatliche Krankenversicherung, versichert ist. Er nimmt diese jedoch nicht in Anspruch, da er jedes Mal, wenn er zum Arzt möchte oder behandelt werden muss einen Haufen Formulare ausfüllen muss. Jedes Formular kostet 1.000 Pesos. Da kann man den Arztbesuch gleich selber zahlen. Leonardo leidet an einer Atemwegserkrankung und ist schon mehrfach operiert worden – auf Rechnung eines befreundeten Arztes.

Am Ende des Tages bin ich müde und sehr nachdenklich. Leonardo, Omar und die anderen Verkäufer der 134. Straße haben mich sehr beeindruckt. Sie sind wie eine kleine Familie: kennen ihre Geschichten untereinander, vertrauen und helfen sich gegenseitig. Sie tragen eine schwere Last mit sich – nicht nur die, ihrer Produkte auf der Schulter. Trotzdem sind sie fröhlich und freuen sich über unseren Besuch und unser Interesse an ihren Geschichten. Leonardo lädt uns zum Abschied zu einer Cola und einem Stück Kuchen ein, den wir zusammen auf dem Grünstreifen zwischen den Straßen „verschlingen“ 🙂

Einmal wieder hat sich für mich bestätigt, dass Kolumbien Leidenschaft ist – und dass die Leidenschaft in den Kolumbianern steckt.

 

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