Muy loco – total verrückt

Muy loco – total verrückt

  • Posted by Nicole Bee
  • On December 11, 2019
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Das Zwiebelrennen an der Laguna de Tota

»A la una, a las dos, a las treeeeees!« rufe ich meiner Hündin Tara zu. Gleichzeitig sprinten wir los. Eiskaltes Wasser spritzt an meinen Beinen hoch und ich bin dem Herzinfarkt nahe, aber stehen bleiben kommt nicht in Frage. Tara hat mich längst abgehängt und schwimmt überglücklich im sechs Grad warmen, besser gesagt kalten Nass der Laguna de Tota. Umgeben vom weißen Sandstrand der Playa Blanca und dem kristallklaren Wasser könnte man meinen, an der Karibikküste zu sein. Die Temperaturen sprechen jedoch eindeutig dagegen. Der See befindet sich auf der Ostkordillere der Anden – auf über 3.000 m Höhe – und gehört mit dem Titicacasee zu den höchstgelegenen, schiffbaren Seen weltweit.

»Muy loca, esta Nicole« erklären mich mein kolumbianischer Freund und seine Familie für verrückt, die unsere Planscherei vom Strand aus kopfschüttelnd beobachtet. In winterfeste Kleidung eingemummelt nehmen sie mich mit einem riesigen Frotteehandtuch in Empfang.

Die Region La Tota und das gleichnamige Dorf sind für zwei Lebensmittel besonders bekannt: Forellen und Frühlingszwiebeln. Also beginnen wir den 2. Tag unseres Kurztrips mit einer Fischsuppe. Ja, richtig – Fischsuppe zum Frühstück eignet sich perfekt bei der kalten, klaren Höhenluft und den niedrigen Temperaturen. Dick eingepackt sitzen wir also am Küchentisch und schlürfen heiße Forellensuppe, gekocht aus Fischköpfen, Gräten, Kartoffeln, Koriander und natürlich Frühlingszwiebeln, die ein wichtiger Bestandteil der kolumbianischen Küche sind. 80 % der in Kolumbien wachsenden »cebolla larga« kommen aus La Tota. Der angenehm frische, leichte Zwiebelgeruch steigt uns bei einem Spaziergang ins Dorf in die Nase. Es ist Oktober – Erntezeit und natürlich ist dies in Kolumbien ein Anlass zu feiern. Bereits auf dem Weg über die Äcker bekommen wir von den Arbeitern einen selbstgebrannten Schnaps angeboten, den wir mit dem Wunsch »salud« gerne annehmen.

Am Hauptplatz von La Tota angekommen, herrscht trotz schlechten Wetters ein buntes Treiben. Gehüllt in farbenfrohen Trachten zeigen ein paar Damen vor der Kirche ihr traditionelles Handwerk – das Spinnen von Schafswolle. Die älteren Herren, in Anzug, mit Hut und Ruana (kolumbianischer Poncho) gekleidet, haben auf Holzbänken Platz genommen und unzählige Kinder stehen dicht gedrängt um den Brunnen in der Mitte des Dorfplatzes. Einige Jungs haben sich einen Platz auf den Sockeln der Fahnenmasten für das Highlight des Wochenendes gesichert: Das Zwiebelrennen!

Die Teilnehmer des Wettkampfes sind gerade dabei, aus frisch geernteten Frühlingszwiebeln 25 und 30 kg schwere Ballen zu schnüren. Die Leichteren sind für die Frauen, die sich bereits startklar machen. Von oben bis unten mit Erde beschmiert laden sie sich die Zwiebelballen – mit den weißen Knollenenden nach vorne – auf die Schulter. Eine Dame jedoch trägt das gewaltige Bündel auf dem oberen Rücken. Die grünen Enden der Frühlingszwiebeln ragen weit über ihren Kopf hinaus, so dass sie aussieht, als trüge sie eine riesige, grüne Perücke. »Muy locos, estos colombianos« erkläre diesmal ich die Kolumbianer liebevoll für verrückt.

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